Leitend war die Frage: Wer sind wir eigentlich?
Im Zentrum stand dabei weniger die Austragung von Differenzen als die gemeinsame Klärung eines Spannungsfeldes: Als Wissenschaftszweig bewegen sich sowohl Diakonie- als auch Caritaswissenschaft als vergleichsweise kleine und oftmals erklärungs- und begründungsbedürftige Fächer zwischen wissenschaftlicher Eigenlogik und praktischer Erwartung. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, ihr Verhältnis zu Kirche, Verbänden, Sozialwirtschaft und gesellschaftlicher Praxis immer wieder neu zu kalibrieren.
Diese Klärungsarbeit wurde bereits in der Eröffnung durch Prof. Dr. Anika Albert (IDWM, Universität Bielefeld) sowie in den einführenden Perspektiven von Prof. Dr. Bernhard Bleyer (Universität Passau) und Prof. Dr. Björn Görder (Evangelische Hochschule Ludwigsburg) gerahmt und im weiteren Verlauf in unterschiedlichen Formaten aufgenommen und weitergeführt.
Sie vollzog sich vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen, die in vielen Beiträgen benannt wurden. Das Bewusstsein wachsender sozialer Ungleichheit, politischer Verwerfungen sowie von Erosions- und Transformationsprozessen kirchlicher Strukturen wurde geteilt und bildete eine gemeinsame Dringlichkeitsgrundlage für weitere Verständigung und Klärung.
Ökumenische Zusammenarbeit wurde im Verlauf der Tagung nicht nur thematisiert, sondern praktisch vollzogen. Unterschiede zwischen diakonischer und caritativer Tradition wurden als unterschiedliche „Netze“ beschrieben, die auf je eigene Weise auf gemeinsame Umweltbedingungen reagieren. Damit zielt Verständigung weniger auf Vereinheitlichung als auf tragfähige Verbindungen, die unterschiedliche Perspektiven in gemeinsamer Orientierung zusammenführen.
Zwischen Eigenlogik und Bindung: das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis
Vor diesem Hintergrund stellte sich wiederholt die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Praxis: In welchem Maß sind Wissenschaftsdisziplinen, die Diakonie oder Caritas im Namen tragen, an die jeweiligen Organisationen gebunden, und wo liegt ihre eigenständige Aufgabe? Diese Spannung bewegt sich zwischen wissenschaftlicher Neutralität und enger Verbindung zum Forschungsgegenstand. Sie ist konstitutiv und bedarf fortlaufender Beobachtung und Reflexion. Zugleich wirkt sie prägend auf innerdisziplinäre Prozesse der Identitätsbildung sowie auf die öffentliche Profilierung.
Die Beiträge aus den Verbänden unterstrichen die Bedeutung wissenschaftlicher Reflexion als Ressource für die Analyse und Gestaltung sozialer Wirklichkeiten. Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, hob hervor, dass verantwortliches caritatives Handeln auf eine Verbindung von empathischer Wahrnehmung, theologischer Orientierung und wissenschaftlich fundierter Erkenntnis angewiesen ist. Wissenschaft ist dort wertvoll, wo sie in Praxiszusammenhängen anschlussfähig ist und Orientierung bietet.
Auch der Präsident der Diakonie Deutschland, Rüdiger Schuch, betonte die Bedeutung eines engen Zusammenspiels von Diakoniewissenschaft, verbandlicher Diakonie und diakonischer Praxis. In dieser Verschränkung liegt ein zentraler Beitrag zur Klärung und Weiterentwicklung des jeweiligen Auftrags, insbesondere im Hinblick auf die Profilbildung unter kirchlichen Rahmenbedingungen im Wandel.
Beide Verbandsperspektiven verweisen darauf, dass Kirche sich nicht unabhängig von Diakonie und Caritas entwickelt, sondern wesentlich aus ihnen heraus.
Weitere Akzente ergaben sich aus den unterschiedlichen Formaten der Tagung: etwa in den Dinner Speeches von Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) sowie Prof. Dr. Christian Oelschlägel und Prof. Dr. Michael Wittland (beide IDWM, Universität Bielefeld), in der Andacht von Prof. Dr. Christoph Sigrist (Universität Zürich) oder in internationalen Perspektiven durch Prof. Dr. Annette Leis-Peters (VID Specialized University, Oslo) und Dr. Rainald Tippow (Caritas der Erzdiözese Wien). Sie trugen zur weiteren Kontextualisierung der Fragestellungen bei.
Auch Perspektiven aus Kirche und Organisation wurden eingebracht, etwa durch Bischöfin Prof. Dr. Beate Hofmann (Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck) im Blick auf Erwartungen der Kirche sowie durch Andrea Wagner-Pinggéra (Vorständin der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel) und Thomas Wigant (Barmherzige Brüder Trier) hinsichtlich organisationaler Anforderungen.
Im Verlauf der Tagung zeigte sich, dass Diakonie- und Caritaswissenschaft nicht eindeutig innerhalb klassischer Disziplingrenzen verortbar sind. Sie bewegen sich vielmehr in einem Zwischenraum von theologischer Deutung, sozialwissenschaftlicher Analyse und praktischer Handlungsperspektive. Dieses „Dazwischen“ eröffnet die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen, macht jedoch neben der Selbstverortung die Klärung eigener und fremder Erwartungen erforderlich.
Kooperation als Praxis gemeinsamer Klärung
Die gemeinsame Tagung hat keine abschließenden Antworten hervorbringen können oder sollen. Vielmehr konnten bestehende Fragestellungen präzisiert werden. Klärung war dabei nicht auf autoritative Setzungen ausgerichtet, sondern vollzog sich als gemeinsamer Prozess der Verständigung unterschiedlicher Perspektiven. Darin wurde Kooperation nicht programmatisch behauptet, sondern konkret erfahrbar: in gemeinsam erarbeiteten, anschluss- und identifikationsfähigen Denkansätzen, die in vielen Momenten sprachlich wie inhaltlich vom „Wir“ getragen waren.
Somit kann die Veranstaltung als Auftakt verstanden werden, in dem zentrale Fragen an Kontur gewonnen haben und deren Bearbeitung über die Tagung hinaus an unterschiedlichen Stellen fortgeführt wird. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen eröffnen dabei ausreichend Resonanzräume, in denen Diakoniewissenschaft und wissenschaftliche Zugänge zu Caritas ihre analytischen und orientierenden Beiträge entfalten können.
Unser Dank gilt allen Beteiligten, die diese Tagung durch ihre Beiträge, ihr Engagement und den offenen Austausch ermöglicht haben.
Fotos:Matthias Rex (Caritas Passau)