Von 2013 bis 2019 waren Sie am IDM tätig. Wenn Sie nun punktuell zur Lehre ans IDWM zurückkehren und an diese Zeit denken: Was nehmen Sie heute neu oder anders wahr?
Ich bin nun länger im Amt der Bischöfin, als ich zuvor am IDM tätig war. Die Zeit in Bielefeld rückt langsam weiter weg. Vieles hier ist mir dennoch vertraut. Wenn ich jetzt wieder in meinem früheren Büro sitze, erkenne ich sogar diese Stehlampe wieder. Die steht inzwischen an einer Stelle so, dass man nicht mehr ständig dagegen läuft (lacht). Ansonsten bin ich ja als außerplanmäßige Professorin dem Institut weiterhin verbunden und begleite einzelne Dissertationen.
Meine Einblicke sind jetzt eher punktuell, zum Beispiel heute im deutschsprachigen Masterstudiengang. Mir begegnet ein starkes Interesse vieler Studierender am kollegial-reflektierendem Austausch und an Rückvergewisserung. Der Hunger nach Theorie und neuen Impulsen tritt da eher in den Hintergrund. Ich frage mich, ob das schon immer so war oder ob ich es verdrängt habe. Für meinen Zeitplan ist das jedenfalls nicht ganz folgenlos (lacht).
In Kurhessen-Waldeck begegne ich immer wieder Menschen, die am Institut sind oder waren. Daraus entsteht ein spürbares Verbundensein. Das Institut ist für mich nach wie vor ein wichtiger Denk- und Lernort, und manche Themen wirken bis heute fort.
Ihr eigener Weg führte Sie aus der Diakoniewissenschaft in das kirchliche Leitungsamt. Wenn Sie nun von diesem Fortwirken von Themen sprechen: Was ist für Sie der größte Zugewinn, vielleicht auch der nachhaltigste Schatz aus Ihrer Zeit am Institut?
Ich bin in meiner Tätigkeit als Bischöfin immer wieder dankbar, dem Konzept der Multirationalität begegnet zu sein. Für mich ist dieser Ansatz ein zentraler Zugewinn, vor allem im Gespräch zwischen Kirche und Diakonie oder zwischen Theolog*innen und Jurist*innen in der KIrchenleitung. Wenn mir heute Konflikte begegnen, nutze ich dieses Denkmodell und frage zunächst: Wer spricht hier wie über was? Und für wen ist das plausibel? Und plötzlich entdeckt man: Was in dem einen eigenlogischen Deutungsrahmen als Chance verstanden wird, erscheint in einem anderen Zusammenhang bereits begrifflich als Bedrohung. Konflikte sind dann beinahe zwangsläufig.
Multirationalität kann solches Missverstehen erklären, ist jedoch kein Werkzeugkoffer für fertige Lösungen und gibt auch kein Harmonieversprechen. Im Gegenteil: Unterschiedliche Perspektiven lassen sich nebeneinanderstellen, ohne sie vorschnell aufzulösen, und genau darin liegt etwas Öffnendes. In Leitungsverantwortung erlebe ich Multirationalität deshalb nicht nur als analytisches Instrument, sondern als Entlastung und als Eröffnung von Aushandlungsprozessen. Und daher geht es mir weiterhin darum, diese Sichtweise anderen zugänglich zu machen. Ihr Potenzial entfaltet Multirationalität, wenn sie im gemeinsamen Verstehen-Wollen geteilt wird, wenn Konflikte nicht persönliche Infragestellung bedeuten und wenn Lösungen aus gemeinsamem Verstehen heraus wachsen. Solch ein Prozess braucht Zeit, ist jedoch allemal hilfreicher, als passiv darauf zu warten oder in einem Machtgerangel auszukämpfen, wer sich oder etwas durchsetzt oder Konflikte aus Harmoniebedürfnissen erst gar nicht auszutragen. Gerade diese Haltung, Spannungen auszuhalten und produktiv zu bearbeiten, verbinde ich stark mit diakoniewissenschaftlichem Denken und dem Institut.
Solange Diakoniewissenschaft sich keinem impliziten Harmonisierungsdruck unterordnet, bleibt sie Salz in der Suppe. Wenn Sie vor diesem Hintergrund auf die kommenden Jahre blicken: Worin sehen Sie die spezifische Wertschöpfung des IDWM für Kirche und Gesellschaft?
Ich sehe eine zentrale Wertschöpfung des IDWM darin, Denk- und Arbeitsweisen zu fördern, die auf geteilte Verantwortung statt auf schnelle Durchsetzung setzen und zeigen, dass nachhaltige Lösungen auf Fundamenten wachsen, die von vielen getragen werden. Bedeutsam ist dabei der Schatz internationaler Erfahrung: In der internationalen Begegnung und im gemeinsamen Lernen wird erfahrbar, was es heißt, Vielfalt praktisch zu erleben, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. Internationalisierung ist dabei nicht nur ein formales Merkmal, sondern eine inhaltliche Ressource im Umgang mit Verschiedenheit und in komplexen Kontexten. Denn viele Probleme, z.B. Klimawandel oder shrinking spaces in der Demokratie, aber auch demografischer Wandel und Migration lassen sich nur mit einer globalen Perspektive nachhaltig bearbeiten.
Die Stärke des Instituts liegt zudem darin, Bilder, Begriffe und theoretische Modelle bereitzustellen, die sich im konkreten Leitungshandeln bewähren. Es geht nicht um Theorie um ihrer selbst willen, sondern um Deutungsangebote, die helfen, Situationen besser zu verstehen und verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Theorie wird greifbar und nützlich, wenn sie zum Instrument wird, das Handlungsspielräume eröffnet. Gerade für Menschen in Leitungsfunktionen ist das von großer Bedeutung.
In diesem Sinne leistet das IDWM einen wichtigen Beitrag für Kirche und Gesellschaft, weil es Reflexionsräume eröffnet, in denen Komplexität bearbeitbar wird. Ich wünsche dem Institut, dass diese Arbeit auch außerhalb der eigenen Fachöffentlichkeit als relevant wahrgenommen wird und dass deutlich bleibt, welchen Wert diakoniewissenschaftliche Perspektiven für gesellschaftliche Orientierungsfragen haben können.
Das Interview führte Damian Ostermann.
Beate Hofmann ist Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und Theologin. Von 2013 bis 2019 war sie Professorin für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement am IDM der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel und von 2017 bis 2019 dessen Direktorin. Als außerplanmäßige Professorin für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement bleibt sie dem IDWM verbunden und trägt mit ihrer wissenschaftlichen Reflexion und praktischen Leitungserfahrung zur Verschränkung von Forschung, diakonischer Praxis und kirchlicher Leitung bei.