Neues aus dem IDWM

Wie viel Vielfalt verträgt religiöse Wahrheit? - Theologische Perspektiven im Gespräch

Eine öffentliche Diskussionsveranstaltung widmete sich am 15.01.26 pluralistischer und komparativer Theologie sowie der Frage, wie religiöse Vielfalt theologisch reflektiert werden kann – mit Blick auf Wissenschaft, Gesellschaft und diakonische Praxis.

Das Institut für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement (IDWM) der Universität Bielefeld lud am 15.01.26 gemeinsam mit dem Bielefelder Dialog der Religionen, der Abteilung Theologie und Diakoniewissenschaft der Universität Bielefeld sowie der Fachhochschule der Diakonie zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung ein. Der Abend richtete sich bewusst sowohl an die akademische als auch an die breitere gesellschaftliche Öffentlichkeit und nahm eine Frage in den Blick, die für Theologie, Diakonie und gesellschaftliches Zusammenleben gleichermaßen zentral ist: Wie lässt sich religiöse Vielfalt theologisch denken, ohne auf Wahrheitsansprüche zu verzichten?

Im Zentrum der Veranstaltung stand ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Perry Schmidt‑Leukel (Universität Münster), der in die Grundlinien der pluralistischen Religionstheologie einführte. Ausgehend von der Tatsache, dass Religionen unterschiedliche und teilweise konkurrierende Wahrheits‑ und Heilsansprüche vertreten, stellte er klassische theologische Reaktionsweisen auf religiöse Vielfalt vor – Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus – und arbeitete deren jeweilige Voraussetzungen und Konsequenzen heraus. Die pluralistische Religionstheologie, so Schmidt‑Leukel, beanspruche keine übergeordnete „Gottesperspektive“, sondern sei eine theologische Haltung, die von innerhalb religiöser Traditionen eingenommen werde und andere Religionen hinsichtlich ihrer heilsrelevanten Wahrheitsansprüche als gleichwertig anerkennt, ohne Unterschiede zu nivellieren oder in Relativismus zu verfallen.

Ein besonderer Akzent des Vortrags lag auf der Frage, wie religiöse Vielfalt theologisch positiv gedeutet werden kann. Schmidt‑Leukel zeigte auf, dass religiöse Wahrheit unterschiedliche, sich teilweise ergänzende Gestalten annehmen könne. Anhand typologischer Überlegungen verdeutlichte er, dass sich Vielfalt nicht nur zwischen Religionen (Makro‑Ebene), sondern ebenso innerhalb einzelner religiöser Traditionen (Meso‑Ebene) und auf der Ebene individueller Religiosität (Mikro‑Ebene) beobachten lässt. Diese „fraktale“ Struktur religiöser Vielfalt könne als Korrektiv gegen die Verabsolutierung einzelner religiöser Formen verstanden werden – ein Gedanke, der auch für diakonische Kontexte von hoher Relevanz ist.

Da der angekündigte zweite Referent, Jun.-Prof. Dr. Idris Nassery, kurzfristig verhindert war, griff Schmidt‑Leukel ergänzend auch Grundzüge der Komparativen Theologie auf. Er stellte diesen Ansatz in seinen wesentlichen Merkmalen vor und ordnete ihn als eine mögliche Form interreligiöser Theologie ein, die auf dialogisches Lernen und den vergleichenden Umgang mit konkreten religiösen Traditionen setzt. Auf diese Weise konnte der ursprünglich geplante thematische Horizont der Veranstaltung dennoch eröffnet werden.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich das große Interesse des Publikums insbesondere an erkenntnistheoretischen Fragen: Woher beziehen religiöse Menschen Wissen oder Gewissheit in Bezug auf Wahrheits‑ und Heilsansprüche? Welche Rolle spielen Offenbarung, religiöse Erfahrung, Tradition und Vernunft in pluralen religiösen Kontexten? Die lebhafte Debatte machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit religiöser Vielfalt nicht nur eine akademische Fragestellung ist, sondern grundlegende Fragen religiöser Selbstvergewisserung und gesellschaftlichen Zusammenlebens berührt.

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Vor einer Abbildung des Rehnberg-Gedenkfensters, das die sechs Weltreligionen und den flammenden Kelch des Unitarischen Universalismus zeigt (von links): Prof. Dr. Raphaela J. Meyer zu Hörste-Bührer (Universität Bielefeld), Dr. Michael A. Schmiedel (Universität Bielefeld), Pfarrerin Simone Venghaus (Bielefelder Dialog der Religionen), Prof. Dr. Perry Schmidt‑Leukel (Universität Münster), Pfarrer Prof. Dr. Markus Schmidt (Fachhochschule der Diakonie), Prof. Dr. theol. Anika Christina Albert (Universität Bielefeld)